Kopfrechnen

Wenn das Hobby nicht mit dem Willen des Kultus übereinstimmt

von Michael Rother

Während sich Jugendliche oftmals in politischen Jugendverbänden, in Sportvereinen oder mit dem  Freundeskreis in der Kneipe während ihrer Freizeit beschäftigen, bildet sich in Deutschland zur Zeit eine kleine Gruppe  heraus, die eine ganz ungewöhnliche Art der Beschäftigung für sich entdeckt hat: RECHNEN.

Sinn und Zweck der Unterstützung dieser Betätigung ist allerdings – unter Beachtung der momentanen Geschehnisse an deutschen Schulen – zweifelhaft. Laut Wikipedia ist Gert Mittring achtfacher Weltmeister im Kopfrechnen. Das ist soweit auch sehr glaubhaft, wenn man ihm bei der Vorführung seiner Rechenkünste zusieht, wie zum Beispiel bei der Auszeichnung des Junior-Weltmeisters im Kopfrechnen, die zum ersten Mal 2008 in Nürnberg veranstaltet wurde.

Herr Mittring selbst war Veranstalter der Jugend-WM. Gewonnen hatte ein Junge aus Thüringen –  Andreas Berger -, mit dem bald schon einige Mitschüler in der ersten Kopfrechnen-AG Deutschlands rechneten. Aber wozu? Ist Über-Zahlen- Brüten so faszinierend? Sind Kopfschmerzen neue Mode (oder Trend, um der Pharmaindustrie Absätze zu sichern)? Oder war Lesen immer in so gutem Munde, dass man jetzt Quoten braucht, damit Mathe attraktiver wird? Tatsache ist, dass einige Schüler mittlerweile verpflichtet werden, hochleistungsfähige Taschenrechner für etwa 120€ zu kaufen, was „amazon.de“ mit Erstangebotspreis von 116,61€ für einen TI-NSpire CAS Taschenrechner bestätigt. Diese Taschenrechner sind zwar bei manchen Schülern nicht gerade das liebste technische Gerät, das sie im Unterricht gebrauchen, aber für den Verlust an Ansprüchen gegenüber den Schülern werden sie wiederum von so manchem gemocht. Wozu also zerbrechen sich Jugendliche die Köpfe? Oder viel eher: Warum werden sie dazu angehalten, zu rechnen? Anwendung findet das Kopfrechnen weder bei trigonometrischen Berechnungen im Unterricht, noch beim Lösen von Logarithmusfunktionen, oder seit wann ist es hilfreich zu wissen, dass der 21.7.3917 ein Samstag sein wird (jedenfalls solange die Mathematiker bis dahin nicht den Kalender ändern, nur damit sie einfacher rechnen können)? Will man die Welt „schönrechnen“, damit auch die Letzten (also die, die nicht in irgendeinem Verein ihren Ausgleich finden, oder im Bücherschreiben ihre Bestimmung sehen) etwas zu tun haben? – Anscheinend schon. Damit hat man ja nichts Neues erfunden, wie wir von den Wirtschaftsprofis wissen, aber jetzt wird diese Kategorie gesellschaftstauglich gemacht. Kurzum: Interessiert uns was 11 13mal mit sich selbst multipliziert ergibt? Ist es relevant, die Quadratwurzel aus 37 auf die vierte Nachkommastelle genau zu kennen? Sicher: Wenn’s der Lehrer wissen will… Es mag ja sein, dass es tatsächlich Mathe-Freaks gibt, die sich dafür interessieren und in ihrer Freizeit gerne rechnen. Das zu tun, ist der Leute gutes Recht, aber wenn dann Sponsoren, die Kinder durch das Finanzieren von Rechenmeisterschaften unterstützen wollen, dieses Geld eben nicht mehr für andere wohltätige durchaus sinnvolle Projekte zur Verfügung stellen, ist es doch zumindest fragwürdig, ob Hobbies so große Relevanz besitzen.

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