Das Lächeln

von Farnaz Nasiriamini

Seine Hand strich sachte über das Pappelholz. Es war rau. Konzentriert nahm er seinen Pinsel in die Hand und betrachtete ihn behutsam von allen Winkeln, tauchte ihn schließlich in satte Ölfarbe. Hatte er Ahnung, was er in Lauf setzten würde, wenn die Spitze seines Pinsels zum ersten Mal das dünne Holz berührt hatte? Langsam, aber sicher, über Jahrhunderte hinweg entstand das Rätsel, das die Welt einmal auf den Kopf stellen sollte.

Einzigartig ist sie, die Mona Lisa. Absolut einzigartig, sicher verschlossen hinter kugelsicherem Panzerglas. Unglaubliche Faszination, geprägt durch ihr geheimnisvolles Lächeln auf dem Ölgemälde. Und Menschen? Ist nicht jeder von uns auch einzigartig? Sollte nicht jeder von uns auch so wertvoll behandelt werden wie die Mona Lisa? So müsste es doch eigentlich sein, wenn jeder von uns einzigartig ist.

Sofort fällt mir der erste Artikel im Grundgesetzbuch ein: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dieser Artikel scheint fragwürdig zu sein, wenn man einen Blick auf unsere  wunderbare Welt wirft. Denn dann dürfte es, könnte es doch gar nicht sein, dass Menschen hungern müssen, da jeder doch alles und noch viel mehr besitzen müsste. Denn dann dürfte es, könnte es gar nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer politischen, religiösen oder ethischen Einstellung verfolgt und gefoltert werden. Dann dürfte es, könnte es doch gar nicht sein, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe als wertvoller bzw. minderwertiger erachtet werden, denn ihre Identität wäre unersetzbar und absolut außergewöhnlich.

Müsste nicht jeder von uns auch einen Tresor um sein Herz tragen? Einen Tresor, der uns vor allen Übeln dieser Welt schützt. Der uns „unantastbar“ erscheinen lässt. Der uns wie ein unsichtbares Medaillon Würde verleiht. Wie kann ein Gemälde wertvoller sein als ein Mensch? Das Gemälde, das nicht umarmen kann, wenn man Trost braucht. Das Gemälde, das dich nicht anlächeln und sagen kann: Ich bin da.

Wer würde Millionen von Euro für einen ahnungslosen Waisenjungen opfern, der nichts für sein Schicksal kann? Ein Mensch, der in Zukunft sogar Trost, eine Hilfe, Liebe in Person sein kann? Wer?

So absurd es doch klingt: Die Mona Lisa, ein Gemälde, wird in unserer Gesellschaft mehr geschätzt als der kleine Waisenjunge. Wo ist denn diese Einzigartigkeit? Die Mona Lisa besitzt sie.

Warum werden Gegenstände für wertvoller erachtet als das kleine Mädchen mit den leuchtenden Augen und dem müden Lächeln, das auf den Straßen der Champs Elysees lebt und um etwas Brot bettelt, jedoch nur verhöhnendes Gelächter ins Gesicht und Speichel auf ihre kleinen weichen Hände gespuckt bekommt?

Ein solches Vermächtnis wird sie ihr ganzes Leben auf den Händen tragen, eingeschlossen von tiefen Wunden. Es scheint einfach unfassbar zu sein, wie kaltherzig, geizig und arrogant unser Wesen ist.

Die Millionen gehen nicht an den Waisenjungen, nicht an das um Brot bettelnde Mädchen. Nein, sondern an Mona Lisa, denn das Wesentliche ist wirklich für das menschliche Auge unsichtbar. Einzigartig? Wertvoll?

Nachdenklich stand das junge Mädchen vor der Mona Lisa und betrachte sie.
Diese Frau ist mehr wert, dachte sie verächtlich.

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