NICHTS – Was im Leben wichtig ist

Nichts bedeutet irgendetwas,
das weiß ich seit Langem.
Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.
Das habe ich gerade herausgefunden.

Mit diesen Worten verlässt Pierre-Anthon, Schüler der Klasse 7a in der schwedischen Kleinstadt Tæring, den Unterricht, um sich fortan auf einem Pflaumenbaum im Nichtstun zu üben. Die Schriftstellerin Janne Teller konfrontiert in ihrem heftig umstrittenen Jugendroman „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ die heutige Jugend auf atemberaubende Weise mit der Sinnlosigkeit des Lebens.

Buchtipp von Gregor Gindlin

Anscheinend vollkommen gleichgültig und unbeirrbar beschließt der Jugendliche Pierre-Anthon an einem Schultag nach den Ferien, dass nichts wirklich von Bedeutung ist. Was zählt schon ein Menschenleben im Vergleich zur Erde? Mühen wir uns nicht das ganze Leben lang ab und haben keine Zeit, nur um später freie Zeit für uns zu haben? Warum nicht gleich? Und was spielt es schon für eine Rolle, wenn wir sowieso in 500 Jahren längst vergessen sind?

Vollkommen klar, dass die Mitschüler von diesen Ansichten verwirrt sind. Sie können doch nicht ernsthaft akzeptieren, dass ihr Klassenkamerad sein gesamtes restliches Leben auf einem Baum hockend Pflaumen essen möchte. In ihrem Rückzugsquartier, einem alten Sägewerk, beschließen die ratlosen 13- bis 15-Jährigen, Gegenstände zu sammeln, die ihnen etwas bedeuten, ursprünglich um Pierre-Anthon umzustimmen, aber im Verlauf der Geschehnisse immer mehr, um ihre wachsenden Zweifel auszuräumen.

Doch die auf den ersten Blick harmlose Idee mündet bald in eine Spirale aus Gewalt und Lust am Zerstören. So beginnen die Jugendlichen zunächst, in der Stadt nach bedeutenden Gegenständen herum zu fragen. Das Resultat, unter anderem eine vergilbte Rose aus einem 50 Jahre alten Brautstrauß oder längst aussortierte Kuscheltiere, ist ein Haufen Müll. Also fangen sie an, Objekte aus ihrer Runde zusammenzutragen, die Bedeutung haben, und kennen keine Tabus mehr. Gefangen im Gruppenzwang und angestachelt durch die Suche nach dem Sinn und einer ungewissen Veranlagung des Menschen zum Sadismus gibt es bald nur noch eine Devise: Der Verlust muss schmerzhaft sein, möglichst schmerzhaft, so schmerzhaft wie es nur geht. Als die Jugendlichen nicht einmal mehr vor dem Tod zurückschrecken, nimmt die Geschichte plötzlich eine ungeahnte Wendung.

Janne Teller gelang es mit ihrem im Jahr 2000 erschienen Roman, die Orientierungssuche der heutigen Jugend absolut schonungslos und wertfrei zu beschreiben. Sie stellt die Frage nach einem Sinn in einer Konsumgesellschaft, die schon alles hat, und polarisiert damit.

In Schweden, Frankreich und Norwegen war das Buch an den Schulen verboten, es raube mit dem dargestellten konsequenten Nihilismus jegliche positive Einstellung zum Leben. Ein Jahr nach dem Erscheinen gewann es den Jugendpreis des dänischen Kultusministeriums.

Für mich ist das Buch absolut lesenswert, da es von der abstrakten Frage „Hat das Leben einen Sinn?“ hinführt zum konkreten „Welchen Sinn hat das Leben für mich?“ und somit zum eigenen Nachdenken anregt. Weiterhin gefallen mir der einfache, dennoch anschauliche Stil der Autorin und die ausgeprägte Gesellschaftskritik. Oder um es mit Pierre-Anthon zu sagen:

Warum tun alle so, als sei alles, was nicht wichtig ist, sehr wichtig, während sie gleichzeitig unheimlich damit beschäftigt sind, so zu tun, als wenn das wirklich Wichtige überhaupt nicht wichtig ist?

Der 144 Seiten umfassende Jugendroman „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ ist empfohlen für Heranwachsende ab 14 Jahren und erschienen in der Übersetzung von Sigrid Engeler im Deutschen Taschenbuch Verlag für 6,95€ in Deutschland.

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