I Pray For Ukraine

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Ein Interview mit Nelli Ukhova, Stipendiatin des Deutschen Schülerstipendiums aus Sachsen
Das Interview führte Luisa Urban

Luisa: In den letzten Monaten gibt es ein regelrechtes Medienspektakel rund um die Proteste in der Ukraine. Könntest du den Lesern dein Verhältnis zur Ukraine erklären?

Nelli: In erster Linie komme ich ursprünglich aus der Ukraine und habe dort meine ganze Kindheit verbracht. Natürlich bin ich immer noch sehr eng mit meinem Land verbunden und versuche auch bei jeder Gelegenheit dorthin zu reisen. In Deutschland habe ich ein neues Leben begonnen, doch mein altes bleibt für immer ein Teil von mir, den ich nie abgeben werde und will. Die ukrainische Sprache, ukrainische Traditionen und Kultur sind trotz des Umzugs nach Deutschland in mir verankert und es macht mich stolz, sie weiterzuführen.

Luisa: Warum hat sich deine Familie dazu entschieden, die Ukraine zu verlassen?

Nelli: Auch wenn meine Familie in der Ukraine nicht wie so viele andere mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, so wollten meine Eltern nicht, dass ihre Kinder in einem Land aufwachsen, in dem es so viele Unsicherheiten gibt. Es gibt Menschen in der Ukraine, die von einem Tag auf den anderen alles verlieren. Letztendlich kam es zu dem Umzug nach Deutschland.

Luisa: Wie bist du auf die Proteste aufmerksam geworden? Würdest du auch weiter gehen und sie als einen sich entfachenden Bürgerkrieg bezeichnen?

Nelli: Ich habe mich schon immer mit der ukrainischen Politik auseinandergesetzt. Das Interesse daran ist durch den Umzug nach Deutschland noch größer geworden, allerdings hat sich mein Blickwinkel auf das bestehende System und die Entwicklungen in der Ukraine stark verändert, da ich in Deutschland eine andere Regierungsform erleben durfte bzw. darf. Selbstverständlich lassen mich die Proteste, die ich tatsächlich schon als einen sich entfachenden Bürgerkrieg bezeichnen würde, nicht kalt. Mein Großvater wohnt in Kiew und erlebt alles mit. Er war auch derjenige, der mir davon zum ersten Mal davon erzählt hat.

Luisa: Wie siehst du den Konflikt? Worin siehst du die Ursachen der Proteste?

Nelli: Der Auslöser des Konflikts war Janukowitschs Ablehnung der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU, doch die Ursachen zogen sich über einen längeren Zeitraum hinweg: Hohe Arbeitslosenquote, gesellschaftliches Elend, wirtschaftliche Unstabilität, Korruption, Diskrepanz zwischen dem, was jede Regierung verspricht und der Wirklichkeit, die Übermacht der Reichen… Ich könnte weitere Ursachen aufzählen, doch dann wären wir nie mit dem Interview fertig… Es ist wirklich furchtbar, unter welchen Bedingungen die Bevölkerung heutzutage leben muss. Schließlich sind wir ein europäisches Volk, folgen aber einer Diktatur, die nicht mal ansatzweise unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation verbessert. Am 21. November 2013 wurde Euromaidan gegründet, welches jetzt zu einem Nationalen Maidan geworden ist.

Luisa: Wofür kämpfen die ukrainischen Bürger?

Nelli: Ich will noch einmal unterstreichen: Dort, in Kiew, in der ganzen Ukraine, geht es nicht mehr einfach um den Beitritt in die EU. Es geht darum, dass das ukrainische Volk die Macht in sich gefunden hat, gegen die bestehende Diktatur aufzustehen und zu rebellieren. Es geht darum, dass es für die Durchsetzung der elementaren Menschenrechte und der Freiheit kämpft. Eben um Dinge, die in der heutigen demokratischen Gesellschaft grundlegend sind. Leider war dies unter dem Regime von Janukowitsch nicht möglich. Ich kann nicht wirklich mit Worten beschreiben, wie stolz ich auf meine Mitbürger bin, dass sie dem einen Punkt gesetzt haben. Das, was in den letzten Monaten in der Ukraine geschah, ist die neue Geschichte unseres Landes, die alle gemeinsam geschrieben haben.

Luisa: Empfindest du die Unnachgiebigkeit der Opposition gegenüber den Vorschlägen der Regierung als guten Weg?

Nelli: Die Unnachgiebigkeit der Opposition ist meiner Meinung nach die richtige Entscheidung, denn bei der Lösung des Problems kann und darf es keinen Kompromiss geben. Was in der Ukraine passiert liegt zum größten Teil an der Regierung, die nicht im Stande war, im Land wirklich zu regieren. Die Tatsache, dass die drei Opponenten mit Janukowitsch vor wenigen Tagen noch einen Deal abschließen wollten, hat zu einer völligen Missachtung auf dem Maidan geführt. Als Resultat werden ihre Namen in den Nachrichten überhaupt nicht mehr erwähnt. Der Maidan ist jetzt nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Es sind durchschnittliche Bürger, die den Maidan verwalten. Es hat mich wirklich beeindruckt, dass alle sich für ein Ziel vereint haben.

Luisa: Die Lage in der Ukraine hat sich drastisch zugespitzt, die Regierung geriet ins Wanken. Wie würdest du die Situation mit eigenen Worten zusammenfassen?

Nelli: Letzte Woche wurde Julia Timoschenko frei gelassen, man konnte bereits drei Stunden danach in den Nachrichten lesen, dass sie es zum Ziel hat, bei der vorgezogenen Präsidentschaftswahl am 25. Mai 2014 anzutreten. Ich denke auch, dass ihr Sieg gesichert ist, da die drei Oppositionskanditaten keine Unterstützung mehr in der Bevölkerung finden. Währenddessen sind viele Anhänger des Ex-Präsidenten nach Russland geflüchtet, was noch einmal betont, dass sie zu feige sind, sich vor dem Gericht zu ihren Taten zu bekennen. Selbst Janukowitsch versuchte sofort, die Ukraine zu verlassen, was ihm allerdings zunächst misslungen ist. Er ist auf der Flucht, aktuell spekuliert man, dass er sich bereits in Russland aufhält. Außerdem kann man sich heute sein verlassenes Haus nicht weit von Kiew ansehen. Dort wurden viele Dokumente gefunden, die beweisen, wie korrupt er war und wie er sein eigenes Land bestohlen hat.

Luisa: Kann man deiner Meinung nach sagen, dass die vielen Opfer unter den Oppositionellen einen Beitrag zum Gelingen der Proteste geleistet haben? Wie werden sie betrauert, wie geehrt?

Nelli: Es ist sehr schmerzhaft, dass so viele Menschen getötet werden mussten, damit endlich klar wurde, dass das ukrainische Volk niemals aufgeben wird. Es gab sogar junge Menschen, die gerade mal 18 Jahre alt geworden sind, die genau so wie ich noch ein ganzes Leben vor sich hatten. Doch diese Opfer waren nicht sinnlos. Ihre Namen bleiben lange in Erinnerung. In meiner Stadt, Dnepropetrovsk, wurde sogar der Lenin´s Platz in den „Platz der Helden des Maidans“ umbenannt. Wie ich es bereits gesagt habe, es fängt hoffentlich ein neues Kapitel unserer Geschichte an, auf einem noch völlig weißen Blatt, ohne Tintenflecke.

Luisa: Wie siehst du die Rolle Russlands? Will Russland Einfluss auf das Geschehen in der Ukraine nehmen?

Nelli: Das, was in der Ukraine zurzeit geschieht, ist das innere Problem unseres Landes, das nur wir lösen können und auch eigenständig lösen werden. Sicherlich strebt Russland an, ein sozialistisches Regime zu unterstützen. In der Ukraine fand wiederum ein Zusammenstoß der Interessen der USA und Russland statt, dennoch sollte das nicht als das Hauptproblem angesehen werden.

Luisa: Wie setzt du dich für die Ukraine ein? Was ist deine Motivation, was möchtest du damit erreichen?

Nelli: Es ist wirklich schwierig, von hier aus etwas für mein Land zu tun. Man sieht ja, dass selbst die Tausenden, die sich jetzt auf dem Maidan befinden, die also tatsächlich mitten im Geschehen sind, es kaum schaffen, Veränderungen zu erzielen. Dennoch habe ich keine Angst öffentlich zu zeigen, dass ich FÜR mein Land und FÜR mein Volk bin. Jeder, der heute auf meine Profilseite bei Facebook, Instagram oder Vkontakte geht, sieht zuerst Bilder mit ukrainischer Symbolik.

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Luisa: Würdest du den Rummel der Medien um die Ukraine als aufgeblasen bezeichnen?

Auf keinen Fall. Das ist wirklich eine Ausnahme, bei der ich sagen würde, dass die Situation nicht überspitzt dargestellt wird. Es besteht jedoch ein Problem: unterschiedliche Medien zeigen unterschiedliche Aspekte. Die Begebenheiten werden sehr subjektiv dargestellt, sodass man mehrere Quellen zu Rate ziehen muss, um sich ein Bild machen zu können. Ich selbst verfolge Nachrichten aus unterschiedlichen Ländern und habe auch einen engen Kontakt zu Menschen, die auf dem Maidan demonstrieren.

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