„Wem tut es weh, wenn ich liebe?“

Eine Auseinandersetzung über die Liebe und den Hass in unserer Gesellschaft

von Farnaz Nasiriamini

„Normalerweise freut man sich ja, wenn man realisiert, dass man verliebt ist, aber ich bin in Tränen ausgebrochen.“ Das sind Sätze einer jungen Studentin, die sich mit 15 Jahren in ihre beste Freundin verliebt hat. Heute ist Nadine 21 Jahre alt und in einer Beziehung, damals aber ist ihre Welt zusammengebrochen. „Natürlich haben wir in der Clique über Jungs geredet, den ersten Kuss und das alles. Ich hab dann auch immer mitgeredet, aber mir war klar, dass etwas anders ist bei mir. Ich hatte mich noch nie zu einem Jungen hingezogen gefühlt. Irgendwann hab ich gemerkt, dass die Beschreibungen vom Verliebtsein auch auf mich zutrafen, aber ich fühlte das Kribbeln, wenn ich meiner besten Freundin in die Augen sah. Ich war komplett überfordert, wollte das ja selbst nicht. Ich hab mich selbst verachtet für meine Gefühle. “

Was Nadine in ihrer Teenagerzeit erlebt hat, ist die Tabuisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe. Man redet nicht darüber, es gehört sich nicht. Und am liebsten gibt es auch keine Homosexualität in den eigenen engeren Kreisen.

Mann und Frau setzen Kinder in die Welt, so wie Mutter Natur es will. Das können Frau und Frau nicht, genauso wenig wie Mann und Mann. Also kann es auch keine Liebe zwischen ihnen geben – das ist das Argument für viele konservative Einrichtungen gegen die aktuelle Debatte über das Recht der Ehe für Homosexuelle. Unter dem Motto „Werden Europas Völker abgeschafft?“ fand im November 2013 eine Konferenz in Leipzig statt, organisiert vom rechtskonservativen COMPACT-Magazin, die sich mit dem Schutz der traditionellen Familie und damit dem Fortbestand der europäischen Völker auseinander setzte. Chefredakteur Jürgen Elsässer nannte die „Homo-Ehe einen Aufstand gegen die Biologie“ und beschimpfte die Gegendemonstranten der Konferenz als „geschichtsvergessene Idioten.“ Gastredner wie Elena Misulina (Präsidentin des Familienausschusses der russischen Duma, die federführend an dem Gesetz gegen „Homo-Propaganda” in Russland beteiligt war) oder Beatrice Bourges (eine radikale Gegnerin der „Homo-Ehe“, welche die Massenkundgebung gegen die Einführung der „Homo-Ehe“ als „französischen Frühling” bezeichnete und sich freute, dass Frankreich endlich erwacht sei und für Werte der Zivilisation auf die Straße gehe) rundeten die homophobe Konferenz ab.

Auch der neue Bildungsplan für allgemeinbildende Schulen in Baden-Württemberg sorgte in letzter Zeit für Aufsehen. So soll künftig in den Schulen bei Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein geschaffen werden, wonach es nicht falsch ist, homosexuell zu sein. Ausgerechnet ein Lehrer startete eine Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ gegen den neuen Bildungsplan.

So wird etwa argumentiert, dass in der „Verankerung der Leitprinzipien“ des Bildungsplans Rechte für Homosexuelle abgeleitet werden, die es nach dem Grundgesetz nicht gibt oder die Verankerung „in einem krassen Gegensatz zur bisherigen Gesundheitserziehung“ steht, weil etwa die Suizidrate von Homosexuellen erheblich höher ist als bei Heterosexuellen. Außerdem wird in der Petition betont, dass „die Ehe zwischen Mann und Frau“ nicht gleichzustellen ist mit der „neuen Sexualethik“.

Für Nadine wäre es damals eine große Erleichterung gewesen, auch im Unterricht über andere Lebensstile zu reden. „Dann wäre das Schweigen gebrochen gewesen und wir hätten uns alle aktiv mit dem Thema beschäftigt. Wir lernen zwar im Sexualunterricht über Verhütung, aber wir reden nie über Gefühle. Damals dachte ich, meine Gefühle sind falsch. Heute weiß ich, dass die Gesellschaft Schuld ist, dass ich so dachte. Ich habe es mir nicht ausgesucht, mich in Frauen zu verlieben. Es passiert einfach. Wem tut es weh, wenn ich liebe? Eine Ehe oder Partnerschaft ist etwas Persönliches zwischen zwei Personen, da haben Dritte nichts zu suchen.“

Der psychische Druck auf Homosexuelle,  vor allem homosexuelle Jugendliche, ist enorm. Sie werden auf dem Schulhof oft wüst beschimpft. Deshalb ist es umso wichtiger, Toleranz so früh wie möglich zu bilden. Die einzige Möglichkeit, aktiv und nachhaltig gegen Homophobie zu arbeiten, ist die Bildung, denn nur wenn wir uns von konservativen Denkmustern verabschieden, werden wir toleranter und können die Würde des Menschen beachten und würdigen, so wie es im Grundgesetz steht. Lasst die Menschen lieben, wen sie wollen. Liebe hat noch nie jemandem geschadet, anderes aber kann man vom Hass behaupten.

 

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