Kunst seit 1900 im politischen und gesellschaftlichen Spannungsfeld

Alumni der Roland Berger Stiftung erkunden in München die spannungsreiche Beziehung zwischen Kunst, Staat und Gesellschaft.

von Amna Franzke

Hinter der schweren, recht unscheinbaren Doppeltür im Untergeschoss verbirgt sich eine Überraschung. Dutzende tellergroße Räder, angebracht in einer langen Reihe, um die Temperaturen im ganzen Gebäude zu regeln, Armaturen aus Marmor, riesige Heizungsrohre, die sich dahinter erstrecken – der Heizungskeller im Münchner Haus der Kunst sieht aus wie der Steuerraum im Bauch eines Schiffes. Ein Vorzeigekeller – 1937 erbaut von Paul Ludwig Troost, dem Architekten des Museums, der auch die Machtzentrale Adolf Hitlers am Königsplatz entworfen hat. Damals hieß das Haus der Kunst noch „Haus der Deutschen Kunst“ und war eines der ersten repräsentativen Nazigebäude in München. „Ja, vielleicht“, sagt Kuratorin Sabine Brantl, als sie die Gruppe aus Alumni an diesem Sonntagvormittag durch den Heizungskeller führt, „vielleicht hat Hitler Benito Mussolini auch diesen Keller gezeigt.“ Wir wissen es nicht. Wie so vieles, was sich damals  hinter den wuchtigen Mauern im Haus der Kunst abgespielt hat. Wie so vieles, was passierte, als Hitler aus München der Kunst- und Wissenschaftsstadt eine „Stadt der Bewegung“ machte.

Kunst und Staat gehören zusammen. Eine wichtige Erkenntnis dieses Seminars. Es war die erste Zentralveranstaltung für die Alumni des Deutschlandstipendiums in diesem Jahr. Am Wochenende vor Ostern trafen sie sich in München, um einen Einblick zu bekommen in das Spannungsfeld von Kunst und Politik, das auch schon vor der Naziherrschaft in München seine Spuren hinterlassen hat.

Am Freitag ging die Zeitreise mit einer Führung durch die Münchner Innenstadt los. Viele der prächtigen Bauten, vor denen sich Touristengruppen aus der ganzen Welt ablichten lassen, ließ  König Ludwig  I. im 19. Jahrhundert erbauen. Italien war oft Vorbild und von diesem Sehnsuchtsort ließ sich Ludwig nicht nur inspirieren, manche Gebäude kopierte er komplett. Die Feldherrnhalle zum Beispiel ist quasi ein eineiiger Zwilling der „Loggia dei Lanzi“ in Florenz. Ludwig schuf sich eine Kulisse, vor der er München zu einer der führenden Metropolen für Wissenschaft und Kunst in Europa aufbauen konnte. Die Feldherrnhalle wurde aber auch Schauplatz für Hitlers Putschversuch 1923 und nach seiner „Machtergreifung“ zehn Jahre später immer wieder für seine Kampfreden.

Wie geht München damit um, dass an jeder Ecke die grausame Vergangenheit spürbar ist? Eine wichtige Frage, die Alumni an diesem Nachmittag immer wieder diskutierten. Anders als zum Beispiel in Berlin findet sich in München nicht alle paar Meter eine große Tafel, die erklärt, was nicht vergessen werden darf. Doch an der Feldherrnhalle findet sich ein Zeichen des Gedenkens oder besser dahinter, wie die Stadtführerin Andrea Weniger zeigte. Eine Spur aus goldenen Pflastersteinen erinnert an all jene Münchner, die den Schleichweg hinter der Halle nutzten, um nicht vor der von den Nationalsozialisten an der Ostseite der Feldherrnhalle angebrachten Gedenktafel für die getöteten Putschisten den Hitlergruß zeigen zu müssen.

Am Samstag führte das Programm die Alumni ins Lenbachhaus, wo unter anderem berühmte Werke der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ zu bestaunen sind. Radikal waren die Malerinnen und Maler um Wassily Kandinsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts, inspiriert von den französischen Impressionisten, erfanden sie die Malerei neu. Ein Pferd musste nicht mehr schwarz, nicht mehr braun sein, sondern auch blau wie eben das berühmte Blaue Fohlen von Franz Marc. Später, als Hitler an die Macht kam und auch die Kunst seiner rassistischen Ideologie unterwarf, waren die Bilder des Blauen Reiters diffamiert und als „entartete Kunst“ zur Schau gestellt worden. Viele Bilder, die ein paar hundert Meter vom Lenbachhaus entfernt in der Pinakothek der Moderne ausgestellt sind, waren ebenfalls darunter.

Im „Haus der Deutschen Kunst“ hingegen zeigten die Nazis dem Volk, was es gut finden sollte. Liebliche Landschaften und heroische junge Männer sehen die Alumni auf Postkarten im Keller des Haus der Kunst. Im Gang neben dem Heizungskeller liegt das Archiv. Einige Ausstellungsstücke wurden auf Postkarten abgebildet und so unter die Leute gebracht. Von den damaligen Exponaten ist oben in den Ausstellungsräumen nichts mehr zu sehen. Davon konnten sich alle in der letzten Etappe des Wochenendes überzeugen, denn genauso wie an der Feldherrnhalle stellt sich dort die Frage, wie München mit seinem nationalsozialistischen Erbe umgeht. Das Haus der Kunst zeigt heute konsequent nur noch zeitgenössische Kunst von Künstlern aus der ganzen Welt. Wir haben uns davon im Rahmen eines Besuchs der Matthew Barney und Abraham Cruzvillegas gewidmeten aktuellen Ausstellungen überzeugt.

Die erste Alumniveranstaltung in diesem Jahr war ein intensives, diskussionsreiches Wochenende. Wie es sich für ein ausgewogenes Programm gehört, blieb noch Zeit für einen gemeinsamen Musicalbesuch am Samstagabend und ein letztes Beisammensein bayerischer Art im Münchner Hofbräuhaus.

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