Das Stammlager Auschwitz

von Karlo Jurcevic

Am Samstagmorgen besuchten wir das Stammlager Auschwitz. Ein Ort, der uns aus den Medien als ein ganz schrecklicher bekannt ist. Bittere Ironie der Natur: Zum ersten Mal auf unserer Exkursion herrscht strahlender Sonnenschein und wir besichtigen den Ort, auf den wir die ganze Woche vorbereitet wurden. Fassungslos, beschämt und nachdenklich stehen wir vor dem gusseisernen Lagertor mit dem Spruch „Arbeit macht frei“. Ein Spruch, der nicht mehr war als eine Verhöhnung der Häftlinge, als sie vor siebzig Jahren vor dem Lager ankamen. Überall sieht man Touristengruppen laufen, einige stehen vor den Baracken, die heute kleine Museen sind und warten auf den Einlass. Der Wind wiegt sanft über die Wiese, auf der Blumen aus dem Boden sprießen. Der Zaun, der damals mit Starkstrom durchströmt war, zäumt die Anlage ein, bedrohlich, wie ein einengendes Gefängnis, was es auch war. Darüber fliegen Krähen, andere Vögel zwitschern und die Sonne strahlt.

Die Gegenstände, die den Häftlingen gehörten, wurden in der Gedenkstätte ausgestellt. Die Masse dieser Gegenstände, die schon siebzig Jahre dort liegen, war erschreckend. Mehrere Baracken mit Bergen von Kochgeschirr, Löffeln, Schuhcreme, Kleidung und sogar einen Haufen mit Beinprothesen, die bei der Verbrennung im Krematorium übrig geblieben sind, bekamen wir zu sehen. Zu dieser Ausstellung gehören ebenfalls mehrere Tonnen von Haaren, die den Leichen der Ermordeten abrasiert wurden, um daraus Decken, Matratzenfüllungen, Strümpfe  und ähnliches herzustellen. Die ermordeten Menschen wurden wie Industrieprodukte behandelt, um möglichst viel Profit zu machen. Das Grausame ist, dass dieses erwirtschaftete Geld dazu genutzt wurde, um die Rüstungsindustrie auszubauen oder weitere Konzentrationslager zu eröffnen bzw. bestehende zu erweitern.

Wir alle waren sehr getroffen, als wir den Berg von Kinderschuhen in einer Vitrine sahen. Diese niedlichen Schuhe gehörten den kleinen Kindern, die in den Gaskammern qualvoll erstickten, nur weil sie Juden waren. Wie können Menschen nur so grausam sein? Es sind Menschen, die noch nicht einmal die Chance hatten, ein langes Leben zu führen. Säuglinge, die für die Gaskammer zu klein waren, wurden den Müttern entrissen und mit einem Schuss in den Hinterkopf ermordet. Diese Szenen bekamen wir am Vorabend bildlich vor Augen geführt, als wir uns den Spielfilm „Auschwitz“ ansahen.

Wir stehen vor einer Befestigung der Galgen, an dem einmal zwölf Häftlinge gleichzeitig gehängt wurden, und vor der Erschießungswand, an der KZ-Insassen nackt erschossen wurden, damit sie sich in dem letzten Augenblick ihres Lebens keine Gegenwehr leisten und sich schämen.

Der Eintritt in das Krematorium Nummer 1, in dem sich die letzte vorhandene Gaskammer befindet, war für uns alle unbeschreiblich. Wir stehen hier auf dem Boden, auf dem viele Menschen die letzten Sekunden ihres Lebens verbrachten, bevor sie qualvoll erstickten. Die anderen vier Gaskammern waren von den Nazis gesprengt worden, um so Spuren zu verwischen. Diese sind Spuren einer Zeit, die man am liebsten aus der Geschichte der Menschheit löschen möchte. Es herrscht überall eine bedrückende Atmosphäre. So viele Eindrücke gibt es zu verarbeiten.

Auschwitz haben wir jetzt kennengelernt. Es hat uns Unmenschlichkeit und Hass gezeigt, wie wir ihn noch nie gesehen haben. Die Besichtigung war sehr unangenehm für uns. Diesen Besuch und die mitgenommene wichtige Erfahrung werden wir nicht so schnell wieder vergessen.

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