Die Gedenkstätte Birkenau

von Michael Rother

Kaum aus dem Bus ausgestiegen – noch im Gespräch mit Personen und in Gedanken noch bei der Ankunft – finde ich mich unter dem Dach eines Torhauses wieder. Wenige Schritte und eine kurze Instruktion später realisiere ich erst: Das ist Birkenau. Denn da der Moment kommt und ich mich umdrehe, bereit einen Fuß vor den anderen zu setzen, bleibe ich doch automatisch einen ewig langen Augenblick stehen. Zu überwältigend ist die Aussicht vom oberen Ende des Konzentrations- und Vernichtungslagers Birkenau über eine Fläche, aus der oft nur noch Steinschwellen und Schornsteine aufragen.

Schon ehe die Führung durch diesen Teil des einstigen Vernichtungsapparats stattfindet, ist mir klar, wie sehr sich Buchenwald (1) und Birkenau voneinander unterscheiden: Nicht nur die Verhältnisse von Fläche, Inhaftierungen oder Baracken setzen ihre Zeichen, sondern schon der Schreck, unbewusst durch das Tor gekommen zu sein, lässt mich zusammenfahren.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss es den Neuankömmlingen damals ähnlich ergangen sein: Sie betraten die Rampe, auf der ich mich befinde, und waren froh, wieder frische Luft zu atmen, doch zugleich spürten sie alle Verunsicherung, denn der Ort war ihnen fremd. Schon in Auschwitz habe ich all die Bilder von Birkenau gesehen, die jetzt an Bedeutung gewinnen:

Die Gleise erstrecken sich fast einen Kilometer geradeaus. Zu meiner Rechten liegen die Fundamente von über 200 Baracken, links noch fast 100 weitere. Die Gebäude, von denen nur wenige erhalten oder wieder errichtet sind, waren auf nur etwa zwei Quadratkilometern erbaut – über 150000 Menschen waren in diesem Gebiet zusammengepfercht worden.

Ein Platzproblem hatten jedoch alle in Birkenau, den Häftlingen waren die grundlegendsten Bedürfnisse viel wichtiger: Wer aus einem Viehwagen ausstieg, hatte Hunger, wer in Birkenau arbeitete, hatte Hunger – und von diesen starb jeder, der nicht genug zu Essen hatte. Mit Absicht wurden die Rationen gekürzt und mit der gleichen Absicht waren die Arbeiten hart: Die SS wollte durch brutalen Umgang mit den Häftlingen auch den letzten zu Tode schinden.
Die Zahl der hier getöteten übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen: 1,5 Millionen mal hat ein Mensch hier seinen letzten Atemzug getätigt und an manchen Tagen wurden bis zu 10.000 Menschen in den Krematorien Birkenaus vergast und verbrannt. Die Funktion des Vernichtungslagers wurde durch den Einsatz von Arbeitshäftlingen sowie 4500 SS-Aufsehern gewährleistet.
Es versetzt mich in Staunen, zwischen der ehemaligen Lagerregistratur und „Kanada“ zu hören, dass diese beiden Gruppen miteinander ins Geschäft kamen, die Aufseher also bestechlich waren und die Insassen den Mut besaßen, die Position ihrer Arbeit auszunutzen.
In neben mir liegenden Gebäuden wurden Neuankömmlinge ihrer Kleidung, ihres Besitzes und sogar des Haupthaares beraubt. Diese verwertbaren Gegenstände wurden in „Kanada“ – dem Effektenlager (2) – aufbewahrt bis zur Weiterverarbeitung.
Der Weg zurück zum Haupttor offenbart noch einige Dutzend Fundamente, aufbewahrte Alltagsgegenstände der Häftlinge und rekonstruierte Baracken, die der Notdurft zugedacht waren.

Doch was das alles bedeutet, kann mir kaum klar werden, denn ich merke, dass ich selbst nicht mit dieser Masse aus Leid und Not mitfühlen kann. Ich war nicht in dem Auschwitz-Birkenau, das die Deportierten damals erfahren mussten. Meine Sinne sind zwar überflutet und betäubt von allem Erfahrenen, doch ich merke, dass ich den Insassen nicht durch Mitleid gerecht werden kann. Vielmehr hoffe ich, dass jeder Einzelne, der wusste was mit ihm geschieht, mit sich selbst abschließen konnte und ins Reine kam. Was hilft das aber an einem Ort, an dem man für das Überleben einer Person das vieler anderer in den Schatten stellte?
Nicht nur die Aufseher waren hart und grausam, verbissen und hasserfüllt, sondern auch die vom NS-Regime Verfolgten und Gefolterten, denn um zu überleben brauchten sie ein gewisses Maß an Durchsetzungskraft, Willensstärke und Brutalität.

Diese Menschen konnten nicht einfach im Januar 1945 aus dem Lager stürmen und fröhlich sein, das ist klar. Sie konnten diesen Teil ihres Lebens nicht einfach verstecken oder löschen. Ein „normales“ Leben war ihnen nicht mehr möglich. Wer das Glück besaß, aus Birkenau zu entkommen, der schätzte sich selbst vielleicht gar nicht so glücklich, denn er trug die schwere Last auf sich, das Erlebte zu verarbeiten.

Jetzt, da ich das Lagertor hinter mir lasse, wird mir paradoxer Weise bewusst, dass ich diesem Ort den Rücken zukehre und doch sehe ich vor mir wieder Gleise.
Wieder halte ich inne: Deutlich wird mir nun, wie passend es war, halb abwesend über die Wege zu gehen, denn kaum einer kann mit üblichem Frohsinn durch ein einstiges Vernichtungslager gehen. Aber es kann auch nicht gesund sein, alle Qualen nachvollziehen zu wollen und es nicht zu schaffen, obwohl man noch lange so schwer betroffen davon ist.

Ich komme somit voll und ganz mit einem Zitat von Primo Levi überein: „Wer nicht in Auschwitz war, kommt nie hinein. Wer dort war, kommt nie heraus.“

 

(1) Ehemaliges Konzentrationslager in der Nähe von Weimar, Thüringen
(2) Effekten (frz. effets) ist ein heute kaum gebräuchlicher Begriff für bewegliche Güter und Reisegepäck

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