Gesprächsrunde mit dem künstlerischen Leading-Team der Stipendiatenproduktion „Eloise“

Am vorletzten Abend unserer Probenwoche im August in Blaubeuren setzten wir uns mit dem künstlerischen Leitungsteam unserer Opernproduktion zusammen – das war eine ziemlich große Runde. Sie bestand aus uns – fünf Redakteuren im Stipendiaten-Redaktionsteam (Kaltrina Berisha, Elisabeth Bauer, Yueling Li, Le Vu und Karlo Jurcevic) und den Mitgliedern des Künstlerteams: Natascha Ursuliak (Regisseurin), Laura Tontsch (Regieassistentin), Claudia Weinhart (Bühnenbildnerin), Dieter Eisenmann (Kostümbildner), Anna Beke (Choreografin) und Anna Hauner (Pianistin). Wenn ihr mehr über unser Künstlerteam erfahren möchtet, lest doch einfach die kurzen Steckbriefe auf unserer Seite.

Kaltrina Berisha: Frau Ursuliak, Sie sind die Regisseurin unserer Opernproduktion „Eloise“. Wieso dachten Sie, dass dieses Stück zu uns passen würde?

Natascha Ursuliak: Wir haben wahnsinnig lange gesucht, weil ihr auch ziemlich viele seid. Die meisten Stücke haben nur drei oder vier Rollen und dann ein wenig Chor, das fanden wir echt schade. Wir wollten allen die Chance geben, auf der Bühne zu sein. Wir hatten ganz viele Stücke zur Auswahl, dann aber doch einige verworfen und gedacht: „Ne, das ist dann doch zu wenig! Es wäre natürlich schade, wenn ihr alle nur im Chor wärt!“ Es war ja auch die Rede davon, einige Profisänger einzubinden, denn bei anderen Stücken gab es große Szenen, bei denen aber die Soloparts zu schwer waren. Da hätten wir diese Profis gebraucht. Das hätte auch einen gewissen Reiz gehabt, wenn ihr da mit professionellen Sängern gearbeitet hättet. Schließlich fanden wir es doch besser, ein Stück zu wählen, bei dem wirklich alle von euch involviert sind. Und bei dem ihr auch die Hauptrollen singen könnt.

Da ich „Eloise“ bereits einmal in St. Gallen inszeniert habe, kannte ich die Oper natürlich. Und das hatte ich dann einfach mal in den Raum geworfen. Das ist das Stück mit den meisten Rollen. Und es hat eine super Länge. Außerdem ist es zu schaffen in der Zeit, die wir gemeinsam haben. Und so einigten wir uns schließlich auf „Eloise“.

Für mich war es wichtig, es nicht so umzusetzen wie beim ersten Mal. Ich wollte noch einmal etwas ganz anderes daraus machen. Also musste ich meinen Kopf von dem, was ich mit den anderen damals gemacht hatte, frei bekommen, und mir etwas ganz Neues für euch ausdenken.
Die anderen Darsteller damals aus St. Gallen waren einfach viel jünger, deshalb haben wir es ein wenig traditioneller und verspielter inszeniert, mit mehr Prinzessinnenstil. Ihr seid ja zum Teil schon etwas älter, fast schon Erwachsene. Da haben wir uns überlegt,wie wir das Stück für euch altersgerecht aufbereiten können. Und daher kommt der „rockige“ Ansatz: 50er Jahre-Stil – das fanden wir spannend und es passt irgendwie zu euch.

Karlo Jurcevic: Warum denn ausgerechnet die 50er Jahre?

Natascha Ursuliak: Gute Frage. Das war das erste Bild, das ich vor Augen hatte, als ich mich an die Produktion für euch gesetzt habe. Als ich das Stück für St. Gallen inszeniert habe, da habe ich es um die Jahrhundertwende angesiedelt. Für euch wollte ich einen völlig neuen Ansatz finden.
Das erste Bild, das ich im Kopf hatte, war seltsamerweise die Königin in einem 50er Jahre-Kleid. Erst habe ich es gleich wieder verworfen, vielleicht doch ein wenig zu bunt und so, aber irgendwie sind die 50er Jahre immer wieder aufgetaucht und dann haben wir uns zusammengesetzt und irgendwann war es ganz klar: Die 50er waren eine coole Zeit, eine lustige Zeit und sie waren sehr bunt, fast peppig – und so sollten auch die Kostüme werden. Dabei ist es nun geblieben.

Elisabeth Bauer: Sie meinten ja, dass Sie sich davor daran gesetzt haben. Wie viel Vorbereitungszeit war da denn nötig?

Natascha Ursuliak: Also wir wissen seit über einem Jahr von der Kooperation mit der Roland Berger Stiftung. Wir wusste, wie viele ihr seid, wie alt ihr seid, und dass ihr alle mitmachen solltet. Und das war die besondere Herausforderung: Ein Stück zu finden, bei dem jeder von euch seine Rolle hat. Und das war gar nicht einfach. Deshalb hat es so lange gedauert. Aber mit „Eloise“ haben wir schließlich eine tolle Lösung gefunden.

Ich setzte mich zuerst alleine an „Eloise“ und gab dann meine Ideen an die anderen weiter. Es sind schon Monate vergangen, bis ich die nötigen Information zusammenbekam, die ich brauchte. Wie groß das Budget ist, was die Bedingungen sind, in welchem Theater wir aufführen. Das benötigt man alles, damit man ein Konzept entwickeln kann. Je nachdem kann man sich mehr oder weniger Tricks leisten.

Le Vu: Mit welchen Schauspielern haben Sie bei Ihrer ersten„Eloise“ in der Schweiz zusammengearbeitet?

Natascha Ursuliak: Wir haben bei dem letzten Projekt mit 65 Kindern aus der Schweiz zusammengearbeitet. Sie waren im Alter von acht bis zwölf Jahren und kamen alle über ein offenes Casting zu uns.

Karlo Jurcevic: Was mir persönlich an der 50er-Jahre-Inszenierung Sorgen macht, ist die Musik von „Eloise“, die kaum rockig ist.

Natascha Ursuliak: In der Oper ist das ganz normal, viele der Geschichten können ganz klassisch sein, aber auf der Bühne kann man sie trotzdem ganz modern aufsetzen. Das macht gar nichts. Man muss nur wissen, wie man es rüberbringt. Das Optische und die Musik brechen oft auseinander und widersprechen sich sogar.

Anna Hauner: Es ist ja nicht rein klassische Musik. „Eloise“ hat ja auch wahnsinnig viel von Schlager und Tango mit drin. Es geht so ein bisschen in Richtung Unterhaltungsmusik, gemischt mit Klassik natürlich.

Natascha Ursuliak: Es ist auch überhaupt nicht langweilig, mit dem Orchester klingt das schon richtig peppig. Da kommen auch noch ein paar andere Klänge dazu, das wird dann nicht rockig, aber auf jeden Fall etwas spritziger.

Karlo Jurcevic: Aber auf den Song „Ring, Ring“ völlig abzutanzen, ist schon etwas ironisch!

Anna Beke: Aber da kann ich euch sagen, selbst wenn es ganz klassische Musik ist, funktioniert das. Mir fällt zum Beispiel gerade eines der ältesten Balletstücke ein, die es überhaupt gibt: „Giselle“ aus dem Jahr 1841 – das prototypische romantische Ballet, mit romantischer Musik von Adolphe Adam. Es wurde von einem meiner Lieblings-Choreografen Mats Ek in den letzten Jahrzehnten in einer Irrenanstalt inszeniert, also zu einem ganz extremen Bühnenbild, und dazu kam auch eine völlig andere und ganz moderne, zeitgenössische Choreografie. Die klassische Musik von Adolphe Adam stört da überhaupt nicht, sie passt für mich perfekt.

Anna Hauner: Natürlich ist die Musik zu „Ring, Ring“schon sehr eingängig, aber das kommt auch daher, weil ihr die Nummer schon so oft geprobt habt. Der Zuschauer hört sie zum ersten Mal. Wenn ihr alle total gelangweilt auf der Bühne steht, dann ist die Melodie natürlich nicht so der „Burner“ – dass es die Zuschauer dann nicht vom Hocker reißt, ist selbstverständlich. Aber wenn ihr da voll abtanzt, dann wirkt die Melodie auch ganz anders, dann ist es nicht „Ring, Ring“, sondern eine echt coole Nummer.

Natascha Ursuliak: Wenn ihr gute Stimmung rüberbringt, dann macht das Publikum auch gleich mit. Also wenn jeder Begeisterung ausstrahlt, dann erlebt das Publikum das dann auch mit.

Anna Beke: Denn das Wichtigste ist, wie man etwas rüberbringt!

Natascha Ursuliak: Wenn du anstatt des rechten Fußes den linken Fuß nimmst und somit einen Fehler in der Choreografie machst, ist das aber in dem Moment total wurscht, solange du trotzdem lächelst und sagst: „Hey, hier bin ich!“. Dann interessiert es wirklich kein Schwein, ob da einer einen falschen Fuß verwendet hat. Wenn ihr das einfach rüberbringt mit Überzeugung, es euch Spaß macht, dann ist alles andere völlig egal!

Yueling Li: Was findet ihr an unserer Gruppe gut?

Anna Beke: Dass ihr eine bunte Mischung seid, eine gute bunte Mischung!

Dieter Eisenmann: Dass ihr alle so bunt seid, so viele Typen habt und euch alle ergänzt, auch diese Mischung der verschiedensten Altersgruppen habt.

Laura Tontsch: Euer Zusammenhalt ist auch sehr bemerkenswert. Also ich weiß nicht, wie ihr das macht! Dass ihr auf die Kleinen so gut aufpasst. Dass ihr Großen schon so viel Verantwortung übernehmt. Das finde ich super!

Anna Hauner: Ich finde es super, dass ihr alle mit so einer positiven Energie dabei seid. Ich sehe oft, wie ihr in der Pause noch irgendwie da sitzt und noch für das Stück übt und lernt. Also quasi in eurer Freizeit auf eigenen Antrieb noch etwas dafür tut. Das finde ich richtig stark!

Claudia Weinhart: Ich finde es auch richtig toll, dass ihr euch auf eine Oper richtig einlasst. Man könnte in eurem Alter auch sagen: „Was für ein Käse“. Ich meine, geht ihr sonst in die Oper? Hat einer von euch ein Opernabo?

Karlo Jurcevic: Ich war einmal mit meiner Mentorin in einer Oper, aber sonst…

Claudia Weinhart: Das ist halt nicht selbstverständlich für euch! Ich finde es super, dass ihr das machen wollt und ihr euch darauf einlasst. Ist ja auch nicht einfach, zu singen oder auf einer Bühne zu stehen. Also ich finde, ihr seid alle recht tapfer!

Natascha Ursuliak: Ich finde es ja auch toll, dass ihr sagt: „ Kommt, wir probieren das einfach mal aus und schauen, was daraus wird.“ Es nicht als Aufgabe seht, sondern sagt: „Hey, ich bin offen für etwas Neues!“.

Elisabeth Bauer: Sehen Sie bei unserem Projekt Hürden?

Natascha Ursuliak: Hürde ist ein bisschen übertrieben. Ein kleiner Knackpunk ist die Zeit, die zwischen den ganzen Probenphasen liegt. Weil dann natürlich viel verloren geht. Und das wieder hochzuholen nimmt eben etwas Zeit in Anspruch nimmt. Aber ich denke, dass viel hängen bleiben wird. Aber es ist natürlich einfacher, zu arbeiten, wenn alles an einem Block ist, so ist es normalerweise, aber das wird sich auch einspielen.
Am Schluss sind es zum Glück zwei Wochen am Stück, wo wir dann wirklich nochmal alles intensiv üben können. Dann wird es zur Premiere auch super klappen.

Karlo Jurcevic: Was erwartet ihr von unserer „Eloise“? Es sind ja nur vier Aufführungen.

Natascha Ursuliak: Das gibt’s öfter. Dass Stücke einstudiert werden, obwohl manchmal nur zwei Aufführungen geplant sind. Je nachdem wie es beim Publikum ankommt, wenn sich der Veranstalter nicht sicher ist, ob es sich so gut verkauft. Wenn es zu speziell ist, dann werden ab und an nur ein oder zwei Vorstellungen geplant. Es ist natürlich schade, dass wir das nur so wenig spielen. Auch für euch. Es wäre natürlich lustiger, wenn es so eine ganze Serie wäre. Aber besser vier Vorstellungen als zwei, oder ?

Anna Hauner: Also ich erwarte von euch, dass ihr alle bei euren Vorstellungen mit total viel Spaß und Freude auf der Bühne mit dabei seid. Wenn wir das erreichen, durch alle Vorstellungen hindurch, dann haben wir wirklich viel geschafft!

Natascha Ursuliak: Aber ich denke, wenn dann die Premiere raus ist, dann ist man schon ein wenig vom „Bühnenkäferchen“ gebissen und ich glaube, dann will man nicht mehr weniger geben. So wird es auch passieren, dann kommt man in so ein „High“-Gefühl, das ganz toll ist!
Das wünsche ich uns allen: Dieses Hochgefühl. Und das werden wir gemeinsam schaffen, da bin ich ganz sicher. Ihr seid einfach super.

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