Lehrstunde in Geschichte und Moral

von Songül Altug

„Wieso will man meine Mutter erschießen, nur weil sie mit dem politischen System nicht zufrieden ist?“ Diese Frage stellte sich der Thüringer Klaus Tiller am 17. Juni 1953, als seine Mutter ihn zu einer Demonstration gegen das DDR-Regime mitnahm und dabei auf Panzer und bewaffnete Soldaten stieß. Diese schossen in die Luft. Für den damals Neunjährigen war das ein sehr angsteinflößendes Erlebnis.

Tiller berichtete 36 Stipendiaten der Roland Berger Stiftung über seine Erfahrungen in der DDR. Die 36 Schüler waren zu Gast bei der Point Alpha Akademie in Geisa nahe der hessisch-thüringischen Grenze. Die Akademie ist benannt nach dem amerikanischem Militärstützpunkt, der sich in der Nähe der damaligen Front zwischen der DDR und dem „Westen“ befindet. Die Point Alpha Akademie befasst sich mit der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands.

Der Zeitzeuge Tiller erzählte von seiner Zeit als Mitstreiter einer immer größer werdenden Bewegung gegen die Regierung der DDR. Als Teil einer Revolution nannte er sich selbst einen kompetenten Zeugen, weil er die „Deutsche Demokratische Republik“ vom Anfang bis zum Ende miterlebte. Er erklärte den Stipendiaten, dass sich unter diesem Namen zwei Lügen verbargen: Weder war die DDR eine Republik, noch war sie demokratisch. Man hätte diese Art der Regierung eher (sozialistisch-)kommunistische Diktatur nennen müssen. Tiller betonte immer wieder, dass dieses politische System ein unmenschliches Unrechtssystem war und die Unzufriedenheit der Menschen unter dieser Ideologie immer größer wurde. Tiller berichtete aus der Sicht eines Kleinstadtbewohners von der friedlichen Revolution. Er selbst stellte sich in Geisa an die Spitze der Demonstrationszüge.

Für die Stipendiaten war das Gespräch mit Herrn Tiller viel mehr als nur eine Geschichtsstunde. Sie erfuhren auf eine besondere Art etwas über die Hintergründe der DDR-Regierung und der friedlichen Revolution, aber nicht nur das: Für sie war es eine Lehrstunde über Moral und Menschlichkeit.

 

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