Ein Abend im Zeichen der Menschenwürde

von Andzelika Gürich und Las Rabaty

Als Roland Berger 2008 eine eigene Stiftung gründete, verankerte er in der Stiftungssatzung zwei Zwecke: Das Deutsche Schülerstipendium, welches Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland unterstützt, und den Roland Berger Preis für Menschenwürde. Dieser Preis zeichnet besondere Menschen und Organisationen auf der ganzen Welt aus, welche mit ihren Aktionen und Bewegungen die Menschenwürde und -rechte wahren und beschützen. Das Preisgeld wird über mehrere Jahre verteilt ausgeschüttet und ist zweckgebunden. Am 4. Mai 2017 fand die Preisverleihung zum mittlerweile siebten Mal statt. Die Preisträger waren in diesem Jahr Ann-Marie Caulker, die mit ihrem unermüdlichen Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung Sierra Leone auf lange Sicht verändern will, die NGO Talent Search and Empowerment (TSE), welche seit 2008 erfolgreich Kindern und Jugendlichen in Tansania hilft, ihre eigenen Talente zu entfalten und von der Straße und Kriminalität wegzukommen, sowie die Organisation WADI, die Kindern und Frauen im Irak zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen will und die sich derzeit vor allem um jesidische Frauen und Mädchen kümmert, die aus der Gefangenschaft des IS fliehen konnten. Bei der Preisverleihung waren auch die früheren Preisträger Radhia Nasraoui aus Tunesien und Mazen Darwish aus Syrien anwesend.
Wir hatten die Chance, jeden der diesjährigen Preisträger zu interviewen.

„I want to be a world changer“
Für die Preisträgerin Ann-Marie Caulker war es eine große Ehre, den Roland Berger Preis für Menschenwürde 2017 verliehen zu bekommen. Sie empfindet die Roland Berger Stiftung als eine sensationelle Organisation, die nicht nur für ein Land tätig ist, sondern für die gesamte Welt. Deswegen war sie erfreut und überrascht zugleich, als sie davon erfahren hatte, dass ihre harte Arbeit so geschätzt wird.

Die Idee, sich für andere einzusetzen, begann damit, dass sie selbst eine sehr harte Kindheit erleben musste. Ann-Marie Caulker möchte anderen Mädchen ein ähnliches Schicksal ersparen. Sie will die Lebensumstände für Frauen in Sierra Leone verbessern und mit ihren Ideen und Plänen etwas in der Welt bewegen. „Frauen haben Potenzial“. Ihre Botschaft an alle Frauen ist „Give courage, work harder“. Das ist die Herausforderung für alle Frauen, wenn sie etwas erreichen wollen. Die Frage, ob sie sich als ein Vorbild für junge Mädchen sehe, beantwortet Frau Caulker selbstbewusst mit einem lauten „Ja“. Sie erzählt, dass andere Mädchen sie als eine Mutter ansehen und dies mache sie stolz. Mit dem Preisgeld möchte sie sich für die medizinische Versorgung, vor allem für Schwangere, einsetzen. Zudem würde sie sich wünschen, dass Herr Berger persönlich nach Sierra Leone reist und die Situation dort begutachtet.

The price is not for us three, it’s for the children“
Auch die tansanische NGO Talent Search and Empowerement (TSE) ist sehr stolz, den Roland Berger Preis für Menschenwürde 2017 erhalten zu haben. Die drei Gründer Paul Buckendahl, Erick Morro und Alfred Tibenderana lebten bzw. leben in Tansania und kennen deswegen die Umstände der Kinder und Jugendlichen dort nur zu gut. Drogen, Prostitution und Kriminalität sind weitverbreitete Probleme bei einem Großteil der Jugendlichen Tansanias, für die das Abdriften in die Illegalität meist der einzige Lebensweg ist. Herr Tibenderana lernte Paul Buckendahl kennen, als dieser 2004 seinen Zivildienst in Tansania absolvierte. Bereits im Jahre 2006 wurde KAWAIDA – Sozialer Dienst in Afrika e.V, gegründet, um den interkulturellen Austausch zwischen Deutschland und Tansania zu fördern. 2007 gründete das Trio TSE.
In der Zukunft möchte TSE mit der finanziellen Unterstützung der Roland Berger Stiftung ein Grundstück kaufen und ein Haus zum Spielen und Lernen errichten. TSE will den Menschen mitgeben, dass Kinder die Zukunft jeder Gesellschaft sind und sie eine Chance auf gute Bildung und somit auf ein gerechtes Leben erhalten müssen.

„Den Frauen im Irak zu helfen, das haben wir uns zur Aufgabe gemacht“
Der Verein WADI war bei der Preisverleihung vertreten durch die beiden Leiter Thomas von der Oster-Sacken und Abdullah Sabir, sowie von Jiman Rashid und Anke Mollenhauer. In ihrer Dankesrede bekundete Frau Rashid ihre tiefe Freude über den Preis und sagte, dass es ihr sehr wichtig sei, dass die Arbeit von WADI auch anerkannt und beachtet werde. Sie wies auch deutlich darauf hin, dass gerade die Arbeit mit den jesidischen Frauen von besonderer Bedeutung sei, sowohl aus sozialer Sicht wie auch aus politischer. WADI hat bereits große Projekte geplant, zum Beispiel das Projekt „Gemeinschaft“, welches am 1. Januar 2017 anfing und bis 2019 durchläuft. „Gemeinschaft“ soll Seminare und Kurse beinhalten, welche Frauen und Männer über ihre Rechte und Grenzen aufklären sollen. Die Probleme und Hindernisse, welche der Verein in seinem mittlerzweile 25-jährigen Bestehen überwinden mussten, lagen laut Herrn Sabir hauptsächlich bei der „Gesellschaft im Irak, welche vor allem in den traditionellen Gebieten schwer erreichbar und zu überzeugen ist, da sich das Weltbild über Generationen gefestigt hat“.

Nachdem wir die Preisträger interviewt hatten, interessierten uns natürlich auch noch die Meinungen anderer Gäste zu verschiedenen Themen rund um die Preisverleihung. Zuallererst wollten wir wissen, warum es den Preis überhaupt gibt und warum er dieses Jahr an Frauen- und Kinderrechtler verliehen wurde. Wen könne man da besser fragen, als den Gründer selbst, Herrn Prof Dr. h.c. Roland Berger? Das Thema Menschenwürde war für ihn schon immer von großer Bedeutung, was daher kommt, dass er bereits in seiner Kindheit durch den Umgang der Nationalsozialisten mit seinem Vater schlimme Erfahrungen mit der Missachtung der Menschenwürde machen musste.

Der Preis ging dieses Jahr an Frauen- und Kinderrechtler, die mit ihrer Arbeit und ihrem Wirken versuchen, Kindern und Jugendlichen in armen Verhältnissen ihre Rechte und zustehende Freiheit näher zu bringen. Mit dem Preis und der feierlichen Verleihung erhofft sich Herr Berger durch internationale Kontakte noch mehr Unterstützung, sodass die Arbeit der Preisträger in einem noch größeren Ausmaß verwirklicht werden kann.

Eine äußerst respektvolle und dankvolle Laudatio hielt die Bundesratspräsidentin und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer. Sie findet es sehr wichtig, Menschen und Organisationen, die „zurecht so einen tollen Preis erhalten, auch politisch zu unterstützen“. Ohne dieses zivilrechtliche Engagement stünde es ihrer Meinung nach noch schlimmer um die Menschenrechte, weswegen sie „die großartige Arbeit der Preisträger“ zutiefst berühre. Selbst in so einem fortgeschrittenen Staat wie Deutschland wäre zum Beispiel „die Gleichstellung von Mann und Frau längst noch nicht erreicht“ oder auch beim Thema Kinderrechte müsse man jedem Kind vermitteln, dass es ein Recht auf Bildung und Selbstentfaltung hat.

Doch wie steht es um die Frauen- und Kinderrechte weltweit? Dazu haben wir dem deutschen UN-Botschafter Dr. Harald Braun ein paar Fragen gestellt. In der UN gibt es die Untergliederung der „UN Women“, die sich weltweit um Frauenrechte sowohl im rechtlichen als auch im angewandten Bereich kümmert. Jede UN-Kommission auf der Welt hat einen Repräsentanten von UN Women, die sich vor Ort um die Entwicklung und Sicherung von Frauenrechten kümmert. 2011 hat Deutschland sich dafür eingesetzt, Themen wie „Frauen und Sicherheit“ und „Kinder in bewaffneten Konflikten“ mit in den Sicherheitsrat der UN zu übernehmen. „Frauen- und Kinderrechte sind universell vorhanden“, erklärt Herr Braun.Trotzdem sieht er Verbesserungsmöglichkeiten im Sicherheitsrat, welche den heutigen Standard betreffen. Die Zusammensetzung reflektiere die Welt im Jahre 1945, als die jetzigen Staaten noch gar nicht existiert haben, sondern noch Kolonien waren. Es sei wichtig, den Sicherheitsrat zu reformieren und an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts anzupassen. Herr Braun hält beispielweise das sogenannte Vetorecht für veraltet, da durch dieses oftmals viele wichtige Entscheidungen der UN blockiert werden.

Insgesamt empfanden wir den Abend als sehr spannend und lehrreich. Wir haben viele interessante und sympathische Menschen kennengelernt und konnten in den vielseitigen Alltag eines Journalisten eintauchen.

 

 

 

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